Die Küstenkrimis von Hendrik Berg

Wenn man Sankt-Peter-Ording (abgekürzt: SPO) besucht und etwas Passendes zur Gegend lesen will - dann empfehle ich die "Küstenkrimis" von Hendrik Berg. 

Hendrik Berg wohnt zwar (wie ich) in Köln (kann ich gut verstehen...) aber er ist gebürtiger Hamburger und er verbringt viel Zeit oben im Norden, auf der Halbinsel Eiderstedt, in Husum und auf den Halligen. Seine Landschaftsschilderungen sind sehr eindrucksvoll. Und die Krimis sind spannend. Immer mit einem kleinen Anteil an Mystery. Denn es gibt viele alte Geschichten oben im Norden - man denke nur an den Schimmelreiter von Theodor Storm. Und es werden meist alte Geschichten im Zusammenhang mit einer aktuellen Krimihandlung erzählt.

Hier im Einzelnen. Mir haben die Bücher wirklich gut gefallen. Und wenn man sie im Norden liest - dann gefallen sie sicher noch mehr:

1. Band:  Deichmörder

Dies ist der erste Krimi von Hendrik Berg mit Kommissar Krumme. Wobei der Kommissar hier eher nur am Rande vorkommt. Die Hauptrolle spielen die Landschaft von Nordfriesland, eine alte Legende und ein junges Ehepaar, dass vor einem Stalker nach Nordfriesland geflohen ist und hier einen Neubeginn starten will.
Das Buch ist spannend, hat gute Charakterzeichnungen und vermittelt sehr viel Lokalkolorit. Und der Kommissar Krumme wird erstmals (am Rande) in Nordfriesland tätig.

Band 2: Lügengrab

Lügengrab ist der zweite Krimi aus der Reihe mit Kommissar Krumme. Und für mich der bisher Beste und Stimmungsvollste.Das liegt nicht zuletzt am Setting: Hallig Hooge. Diese "Insel" (nein, keine Insel, eine Hallig - was genau der Unterschied ist, steht im Buch). Eine raue Landschaft, mehrmals im Jahr "Land unter". Und eine verschworene Gemeinschaft, die im Laufe der Generationen gelernt hat, mit den Naturgewalten zu leben. Und hier soll es ungeklärte Kriminalfälle geben? Ja -  zumindest in diesem Krimi. Und durch die guten Beschreibungen der Landschaft hat man das Gefühl, mittendrin zu sein. Ich selbst war vor vielen Jahren einmal für einen Tagesausflug auf Hallig Hooge. Und ich habe das nie vergessen. Eine friedliche Umgebung. Außer in diesem Buch.

Absolute Lese-Empfehlung. Und danach mal auf die Halligen fahren!

Band 3: Küstenfluch

 

Leere Herzen von Juli Zeh

 

Americanah

Ifemelu wächst in Nigeria auf und erlebt dort ihre erste Liebe mit Obinze. Aber dann gerät Nigeria immer mehr in eine politische und gesellschaftliche Schieflage und Ifemelu geht mit Hilfe eines Stipendiums ans College nach Princeton in die USA. Nach anfänglichen Schwierigkeiten schafft Ifemelu das College, das Geldverdienen und eine gewisse Art von Ankommen in den USA.


Obinze dagegen wird als illegaler Immigrant in Großbritannien scheitern, später aber im korrupten System Nigerias ein reicher Mann werden.


Nach vielen Jahren kehrt Ifemelu nach Nigeria zurück und trifft wieder auf Obinze, der inzwischen verheiratet ist und ein Kind hat.


Die Jahre dazwischen werden äußerst ausführlich erzählt, dienen aber in erster Linie einer Analyse der amerikanischen Gesellschaft in Bezug auf Rassismus und Klassengesellschaft. Alle Prototypen kommen einmal vor: Der weiße, reiche Amerikaner, der gebildete schwarze Amerikaner, die armen schwarzen Amerikaner, die armen Immigraten aus Afrika usw. Das machte das Buch stellenweise für mich zu einem eher dokumentarischen Werk, das Mitfühlen mit den Charakteren (was oft den Reiz eines Romans ausmacht) kam für mich persönlich zu kurz. Außerdem mochte ich persönlich die Protagonistin nicht besonders.
Ich mochte zwar ihre guten Analysen der amerikanischen Gesellschaft und das Aufdecken des immer noch vorhandenen Rassismus. Aber ich fand die Handlung teilweise zu konstruiert und zu unrealistisch. Eine Nigerianerin schafft es ans College nach Princeton, hat nur am Anfang ein paar (allerdings gravierende) finanzielle Probleme. Und danach lernt sie hintereinander erst einen reichen weißen Amerikaner aus einer alten Ostküstenfamilie kennen, mit dem sie dann First-Class durch die Welt jettet. Und  dann kommt der gebildete Schwarze Universitätsprofessor. Und viel Geld mit einem Blog über Rassismus verdienen geht auch....? Aha - nein, das war mir alles zu konstruiert.


Allerdings habe ich viel gelernt, z.B. über die Haarpflege von Schwarzen (Braids, Afro, Glättungsmittel) und denke jetzt mehr darüber nach, dass erfolgreiche Schwarze meist geglättete Haare haben (siehe Michelle Obama, die im Buch oft erwähnt wird). Und ich stelle fest, dass die meisten Zeitschriften immer noch quasi ausschließlich Schönheitstipps für hellhäutige Menschen haben. Fast die ganze Kosmetikindustrie ist darauf ausgerichtet. Das sind interessante Aspekte, die mir vorher nur am Rande bewusst waren.
Daher hat das Buch schon etwas bei mir bewirkt. 


Außerdem habe ich inzwischen einige Bücher gelesen, die (teilweise) in Nigeria spielen (Jeder Tag gehört dem Dieb von Teju Cole, Diese Dinge geschehen nicht einfach so von Taiye Selasie, Little Bee von Chris Cleave) und weiß jetzt definitiv, dass Nigeria ein Land ist, in dem ich sicherlich nicht leben möchte. Und ich habe volles Verständnis für die Menschen, die von dort weg gehen möchten.

Schwesterherz und Bruderlüge - zwei spannende Thriller

Im Urlaub muss ich auch immer etwas Spannendes lesen. Und diesmal waren es gleich zwei Bücher - die man unbedingt zusammen lesen muss.

Denn nach nach furiosen Auftakt mit Schwesterherz wird die eigentliche Auflösung erst in Bruderlüge erfolgen, dem zweiten Band. Wobei man Schwesterherz auch alleine lesen kann - Bruderlüge allerdings eher nicht.

Hier eine Zusammenfassung - natürlich ohne zu viel zu verrraten!

Martin Benner ist ein erfolgreicher Anwalt, hat eine Dachgeschosswohnung in einem der guten Viertel von Stockholm, fährt Porsche und plant gerade mit seiner Kanzlei-Partnerin mit der ihn eine on-off-Beziehung verbindet, einen Urlaub an der Cote d`Azur. 
Da kommt ein etwas abgerissener Mann in seine Kanzlei und bittet ihn, die Wahrheit über seine verstorbene Schwester und deren verschwundenen Sohn herauszufinden.
Wobei die Schwester fünf Morde gestanden hatte.....Mafia


Eigentlich ein No-Go, diesen Auftrag anzunehmen. Aber Benner war einmal kurzzeitig Polizist in Texas - und das Ermittlerfieber hat ihn nie ganz losgelassen. Und außerdem fanden die ersten Morde in Texas statt.


Und so fängt ein Strudel von Ereignissen an. Temporeich wird der Leser auf viele Fährten und in viele Sackgassen geführt und entwickelt so langsam eine Paranoia. Denn es ist irgendwie nichts, wie es scheint. Und Martin Benner scheint fast hoffnungslos verloren in diesem Spiel - und als dann noch Belle, seine Adoptivtochter, bedroht wird, begreift auch Martin Benner, dass er sich mit einem Mafia-ähnlichem Kartell angelegt hat.


Kristina Ohlsson ist eine bekannte schwedische Krimi-Autorin. Hier hat sie jedoch eher einen amerikanischen Thriller geschrieben. Actionreich, viele Tote, viele Verwicklungen, ein (Neben) Schauplatz in Texas und ein interessanter Ermittler. Erfolgreich als Rechtsanwalt und ein liebevoller Ersatzvater für seine Adoptivtochter. Aber auch mit schwierigen Seiten: Sexsüchtig, Beziehungsunfähig und mit einer traurigen Vergangenheit als Kind einer Alleinerziehenden, Alkoholsüchtigen Mutter, die vom Vater des Kindes (einem Afroamerikaner aus Texas) verlassen wurde.


Dies alles wird so einem wirklich furiosen Krimi verarbeitet. Und im zweiten Band "Bruderlüge" werden dann auch die restlichen offenen Fragen aus "Schwesterherz" geklärt

Als wir unbesiegbar waren von Alice Adams

An diesem schönen Strand auf Zypern habe ich ein schönes Buch über das Erwachsenwerden, über erfüllte und unerfüllte Träume und über Freundschaft gelesen. Realistisch. Und trotzdem nicht traurig. Das Buch verleitet dazu, über die eigenen Träume und Wünsche nachzudenken und darüber, wie man selbst mit den Widerständen umgeht, die einem im Leben nun einmal passieren.

Eine wirklich schöne Urlaubslektüren. Nicht ohne Tiefgang - und schön zu lesen.

Hier meine Zusammenfassung:

 

 

  • Sozusagen Paris von Navid Kermani

    Dieses Buch habe ich mir nach einer Lesung mit Navid Kermani im Schauspielhaus in Köln gekauft.

    Bei der Lesung wirke das Buch unerwartet witzig.
    Und das war dann auch bei der Lektüre so - es gibt witzige Passagen und ein geschicktes Spiel mit Erinnerung und Wirklichkeit.

    Nebenher wird noch fast die gesamte französische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts in Bezug auf ihre Relevanz zum Thema "Liebe" und "Ehe" analysiert. Denn das sind die Themen, um die es im Buch geht. Kann eine Ehe aus Liebe funktionieren? Und wenn ja: Wie? Und warum vielleicht doch nicht? Und wie entwickelt sich eine Liebe über die Jahrzehnte?

    Das alles wird sehr intellektuell abgehandelt aber auch gut verständlich und wie schon erwähnt, durchaus mit Situationskomik.

    Was mich dann doch beschäftigt hat, ist die Tatsache, dass es schon wieder ein Buch übers Schreiben ist.

    Denn der Protagonist ist Schriftsteller, hat ein Buch über seine Jugendliebe geschrieben, trifft diese Jugendliebe bei einer Lesung und dieses Buch hier beschreibt die Begegnung - und das Buch, dass daraus wieder entsteht.

    Bücher übers Bücherschreiben habe ich jetzt erst einmal genug gelesen - aber zum Schmunzeln und zum Nachdenken haben mich die Passagen über die alltäglichen Probleme in einer langjährigen Ehe schon gebracht.
    Deshalb dann doch eine klare Leseempfehlung für dieses Buch von Navid Kermani.

  • Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff

    Das Buch "Widerfahrnis" hat den Deutschen Buchpreis 2016 gewonnen. Und da ich schon einiges über dieses Buch gehört hatte, war ich gespannt auf die Lektüre - besonders (oder auch) weil Denis Scheck dieses Buch so verrissen hat.

    Mir hat es gefallen - mir haben der ruhige Stil und die schöne Sprache gefallen. Das Buch lebt von der Gedankenwelt, die dargestellt wird - viel äußere Handlung gibt es im Verhältnis dazu nicht.
    Das Buch handelt von einer Reise zweier nicht mehr junger Menschen, die mit den Dämonen ihrer Vergangenheit kämpfen. Ihren spontan am Rand der Alpen begonnenen Trip dehnen sie immer weiter aus, bis sie schließlich in Sizilien landen - und das Flüchtlingselend sich zu ihrem privaten Elend dazugesellt.

    Was mich ein wenig gestört hat, ist dieses Referieren über Stilmittel, Wortbedeutungen aus Sicht eines Verlegers und Lektors.

    Dieses "Schreiben über das Schreiben" scheint derzeit sehr en vogue zu sein, siehe auch meine Anmerkungen zu Delphine de Vigan und zu Navid Kermani.

  • Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

    Dieses Buch wurde viel beachtet und hoch gelobt.
    Und viele aus meinem Literaturkreis waren bei der Lesung der Autorin im Literaturhaus in Köln. Und eigentlich waren alle begeistert.

    Nur mich konnte das Buch nicht richtig fesseln. Es ist zwar sprachlich gut geschrieben - das Lesen war keine Qual. Aber Ich konnte mit dem Inhalt nicht viel anfangen. Alles so selbst-zentriert. Schreiben übers Schreiben und über das Nicht-Schreiben-Können.

    Aber keine richtige Geschichte - für mich persönlich zumindest nicht. Ich habe aus dem Buch gelernt, dass ich keine "Reality" in Büchern oder Medien brauche, Ich schaue auch keine Reality Shows im Fernsehen.

    Das Leben selbst ist spannend genug, so wie es ist. Und um etwas wirklich Neues, wirklich anderes aus anderen Kulturen oder von anderen Persnen zu erfahren, lese ich (nein, kein Fantasy) gerne Geschichten. Diese können gerne erfunden sein - inspiriert vom richtigen Leben sind sie sowieso).

    Auch wenn dieses Buch dann doch Fiktion ist - wieso muss es dann so nah an die Autorin angelehnt sein, dass man das einfach so googlen kann? Aber vielleicht hat mich einfach nicht interessiert, wie man in eine Schreibblockade oder in eine fatale Abhängigkeit von einer anderen Person gerät. Sind wohl nicht meine Themen.

Geister von Nathan Hill

 

Der Hydrograph

Dieses Buch ist in den Niederlanden schon 2002 erschienen - und jetzt erst auf Deutsch. Wohl eine Folge davon, dass die Niederlande Gastland der Frankfurter Buchmesse waren.

 

Erschienen ist das Buch im MARE Verlag. Dieser Verlag verlegt Bücher, die mit dem Thema "MEER" in Verbindung stehen - wie der Name schon sagt.

Daher habe ich auf der Startseite einige Fotos vom Meer in den Niederlanden hinzugefügt. Beim Buch geht es um einen Hydrographen - also um jemanden, der das Meer studiert.

 Wenn man das Buch liest, hat man den Eindruck, dass das Buch viel älter ist. Die Geschichte spielt Anfang des letzten Jahrhunderts - und Sprache und Stil sind dieser Zeit angepasst. 


Protagonist ist ein Adeliger, Franz von Karsch-Kurwitz, der als Hydrograph arbeitet so langsam in das Alter kommt, in dem er Heiraten und eine Familie gründen soll. Und überhaupt soll er die Pflichten erfüllen, die sich aufgrund seiner adligen Herkunft ergeben. Aber Franz flieht - auf ein Schiff nach Lateinamerika. Vordergründig, um seinen Forschungen nachzugehen - aber eigentlich, weil er vor der arrangierten Ehe mit einer langweiligen Frau fliehen will. Und er will auf der Reise viel nachdenken - über das Leben und seine Stellung in der Welt. Aber Franz verliert sich in seinen Gedanken, erst recht, als in Lissabon eine allein reisende Dame als Passagierin dazukommt. Diese wird nicht nur von Franz begehrt, sondern auch von seinen beiden Mitreisenden, einem Lehrer und einem Geschäftsmann. Und so verliert sich Franz in Gedankenspielen, vernachlässigt seine Studien und gerät in eine Art fiktives Konkurrenzdenken mit seinen Mireisenden - was durchaus als Parallele zur gesellschaftlichen Situation Anfang des letzten Jahrhunderts interpretiert werden kann.

Im Endeffekt handelt Franz dann doch seiner adligen Klasse entsprechend: Saftlos, kraftlos und ohne die letzte Konsequenz, ein rein intellektuelles Aufbegehren, das Franz vollends zu einer tragischen Gestalt werden lässt.

Begeisternd an diesem Buch war für mich daher auch weniger die Geschichte als die Sprache. Seltsam altertümlich, mit Stil und guten Beschreibungen, z.B. vom Meer, die die Geschichte mit tragen. 

Ein Buch, das nachwirkt, auch wenn mir die Hauptperson fremd blieb. 

Bücher, die in Kroatien spielen

Im Urlaub lese ich möglichst immer mindestens ein Buch, das im Urlaubsland spielt. Bei Kroatien war es nicht ganz so einfach, solche Bücher zu finden. Zum Glück gibt es auf "Perlentaucher.de" eine Rubrik, unter der man Büchder zum Land suchen kann. Und bei Lovelybooks gibt es eine Leserunde zu "Literarische Weltreise", in der es viele Tipps gibt.

Ich habe daher zwei Bücher gefunden, die ich hier kurz vorstelle. Beide sind übrigens keine original "kroatischen" Bücher, sondern sie sind auf Deutsch geschrieben.

BORA - eine Geschichte vom Wind (von Ruth Cerha)

Der Bora ist ein kalter Fallwind, der aus den Bergen herunter aufs Meer weht. Wir haben ihn dieses Jahr in Kroatien selbst erlebt. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint - und der Wind ist kalt.

So ist es auch auf der kroatischen Insel, die den Schauplatz dieses Buches bildet. Und eigentlich die Hauptperson ist. Denn im Buch gibt es viele Beschreibungen der Insel, der Landschaft, der Menschen und des Alltagslebens. 

Protagonisten im Buch sind Mara, eine Schriftstellerin aus Wien, die die Sommer stets auf der Insel verbringt, um dort zu schreiben und Andrej, ein Fotograf aus Hoboken / New Jersey, dessen Eltern von der Insel stammen (und in die USA emmigriert sind).

Es wird viel erzählt von der Emmigration aus Kroatien bzw. damals noch Jugoslawien, von Heimatlosigkeit und Sehnsucht nach einem Ort, an dem man bleiben möchte. Aber die Menschen in diesem Roman sind seltsam heimatlos und ruhelos. Und sie haben Bindungsängste - was sicherlich zusammenhängt. Deshalb entwickelt sich die Liebesgeschichte zwischen Mara und Andrej auch nicht kitschig-romantisch - sondern eher schwierig. Und irgendwann ist der Sommer zu Ende....

Mir haben an diesem Buch besonders die Beschreibungen des Insellebens und die schönen Zwischentöne gefallen, dieses leicht melancholische, das über der Insel und der Geschichte liegt, obwohl Sommer ist. Und irgendwie scheint dies zu meinem persönlichen Eindruck von Kroatien zu passen.

 

Jeden Tag, jede Stunde von Natasa Dragic

Dora und Luka wachsen zusammen in Makarska auf, einem kleinen Ort an der kroatischen Adria. Und eigentlich sollten sie "Jeden Tag, jede Stunde" miteinander verbringen. Denn aus der Kindergartenfreundschaft entwickelt sich eine große Liebe. 

Aber die Umwelt und das Leben und sie selbst stehen dem immer im Wege. Zunächst zieht Dora als Kind mit ihren Eltern nach Paris. Dann trifft man sich wieder und einer ist verheiratet... und so weiter. Tragisch und manchmal schwer zu ertragen.

Kroatien und Liebesgeschichte scheint ein schwieriges Thema zu sein - siehe BORA von Ruth Cerha. Gut beschrieben ist die "Amour Fou" allerdings, die Autorin nutzt interessante Stilmittel, z.B. immer wiederkehrende Passagen, die jedes Mal beim Wiedersehen genutzt werden - und die Tragik gut illustrieren.

Anosnsten ist das Buch sehr zu empfehlen, wenn man nach Makarska fährt, das ist ein wirklich schöner Urlaubsort an der dalmatinischen Küste, zwischen Split und Dubrovnik.  Ich war dort einmal vor Jahren - und mir hat es gut gefallen. Überhaupt kenne ich kaum ein Land, das so viele schöne malerische Orte hat wie Kroatien.

  • Ein ganzes Leben von Robert Seethaler

    Demut ist in der heutigen Zeit ein fast vergessener Begriff. Und auch ich persönlich habe meine Probleme damit.
    Aber dieses kleine Buch lässt Demut fühlbar werden. Und lässt innehalten und über unseren Drang nach "Selbstoptimierung" nachdenken.

    Dinge wie Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung sind der Hauptperson dieses Buches so fern wie die Welt außerhalb des kleinen Alpentales, in dem Andreas Egger als uneheliches Kind einer früh verstorbenen Mutter bei Verwandten aufwächst. Schule gibt es für ihn nur wenige Jahre, ansonsten müssen Kinder arbeiten. Und arbeiten wird Andreas Egger ein Leben lang. Hart arbeiten. In der Landwirtschaft, beim Seilbahnbau und später für die Touristen, die ins Tal kommen. Auch der Krieg, Gefangenschaft und Arbeitslager müssen durchlebt und ertragen werden. Und Ertragen und trotzdem weiterleben und immer wieder neu anfangen - das ist das Wesen des Lebens, das Andreas Egger lebt. Pragmatisch, still und meist eigenbrötlerisch nur für sich. Nur einmal erlebt er eine große Liebe - die er aber bald wieder verliert.
    Und trotz all dieser Widrigkeiten empfindet der Protagonist sein Leben am Ende als durchaus gelungen.
    Diese Manifestation von Demut hat mich sehr berührt und nachdenklich gemacht.
    Und die lakonische, klare und bei Landschaftsbeschreibungen sehr poetische Sprache trägt dieses kleine Buch, das ein ganzes Leben erzählt.

  • Stoner von John Williams

    Was soll man zu diesem Buch noch sagen - es ist schon so viel dazu gesagt worden.

    Der Autor ist eigentlich erst nach seinem Tod richtig bekannt geworden, erst dann konnte man seine Werke wohl richtig schätzen.

    Ich selbst bin auf "Stoner" aufmerksam geworden bei einer Lesung von Robert Seethaler (siehe: Ein ganzes Leben). Die Moderatorin (Bettina Böttinger) hat mehrmals während der Moderation "Stoner" angesprochen und auf Parallelen hingewiesen. Und die gibt es tatsächlich. Denn beide Bücher erzählen ein Leben, das nicht immer klassisch erfolgreich verläuft. Und doch eine gewissen Zufriedenheit bietet. So seltsam sich dies für den Leser in der heutigen Zeit aus anfühlen mag.
    Stoner ist sicherlich ein Zeitzeugnis, die Geschichte eines Mannes, der sein Leben versucht zu finden und zu leben - sich dies aber nicht sehr bewusst macht. Sondern der einfach lebt und weitermacht. Und nicht verzweifelt, obwohl nicht alles immer schön ist.

    Eine fast ausgestorbene Einstellung zum Leben? Oder sogar eine sinnvolle Einstellung? Man kann über dieses Buch sicherlich viel diskutieren. Sehr empfehlenswert daher für Lesekreise.

  • Wir sind doch Schwestern (von Anne Gesthuysen)

    Dieses Buch hat alles, was zu einem richtig guten Schmöker gehört. Interessante Protagonisten, tragische und schöne Geschichten und einen spannenden Aufbau durch abwechselnde Zeit-Ebenen.

    Ein Buch, um es hintereinander weg zu lesen.

    Wie der Titel schon sagt, geht es um drei Schwestern.
    Gertrud ist die Älteste, sie wird in Kürze 100 Jahre alt. Und dies soll gebührend gefeiert werden. Organisieren wird dieses Fest ihre jüngere Schwester Katty, diese ist "erst" 84 und war ihr Leben lang eine begnadete Feier-Organisatorin (heute würde man wohl "Event-Managerin sagen). Die dritte Schwester, Paula, reist auch an. Sie ist kaum jünger als Gertrud, nämlich 98 Jahre alt. Stattfinden wird alles auf einem Hof am Niederrhein. Und dieser Hof spielt eine besondere Rolle in der Geschichte.

    Kurz bevor die Schwestern anreisen, findet Katty in einem Geheimfach in einem Schrank einen Aktenordner mit einem alten Gerichtsfall, der damals eine peinliche Sensation am Niederrhein war. Katty war in diesen Fall verwickelt - und auch ihre Schwestern können sich noch gut an diesen Fall erinnern. Und sie kommen ins Grübeln und überlegen, ob es nicht so langsam an der Zeit wäre, das "Nicht-Darüber-Reden" (was am Niederrhein wohl sehr beliebt ist) zu beenden und endlich reinen Tisch zu machen.
    Und so wird abwechselnd von den Geburtstags-Vorbereitungen und von den damaligen Geschehnissen berichtet, die im Gerichtsfall ihren Höhepunkt fanden. Daraus entwickelt sich die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts und die Geschichte eines Bauernguts am Niederrhein. Es gibt Familienstreitigkeiten, glückliche und unglückliche Ehen, aus Standesdenken oder sonstigen Gründen verhinderte Liebesbeziehungen, Gefängnisstrafen aufgrund des Paragraphen 175 (Homosexualität), die politische Entwicklung zu Beginn der Bundesrepublik, Krieg und Frieden. Ein packendes Zeitdokument in Romanform.

    Die Autorin hat den oben erwähnten Aktenordnerwohl in ihrer Familie entdeckt, die drei Schwestern waren ihre Großtanten. Auf dieser Grundlage wurde ein Roman geschrieben, der zwar fiktiv ist, jedoch die Zeit und deren Bedingungen sehr schön aufzeigt. Interessant sind hier vor allem auch die (für die damalige Zeit) schon sehr gut ausgebildeten und eigenständigen Frauenpersönlichkeiten.

    Für mich war das Buch ein richtiger Lese-Genuss!

  • Die Frauen von La Principal (von Lluis Llach)

    Drei Generationen von Frauen, die die Geschicke eines spanischen Weingutes lenken. Alle mit dem Namen Maria. Alle gehen in der Liebe eigene, unkonventionelle Wege. Und das Zeitgeschehen stellt sie vor viele Herausforderungen.

    Die Principal ist Ende des vorherigen Jahrhunderts ein alteingesessenes Weingut und ein eigener Kosmos mit Besitzerfamilie, Bediensteten und den teilweise unstandesgemäßen, inoffiziellen Beziehungen zwischen diesen Gesellschaftsschichten. Es werden viele Geschichten erzählt von Haushälterinnen und deren illegitimen Kindern, von der Besitzerfamilie und ihren Zerwürfnissen, vom Verhältnis vom Dorf zum Gut. Eine patriarchalisch geprägte Gesellschaft. Dies ändert sich, als Maria die Principal erbt - jedoch nur, weil die Reblaus die Weinstöcke befallen hat und die Söhne der Familie und der Vater der Familie ihr Glück in Barcelona versuchen - und die Tochter mutterseelenallein auf dem Weingut zurücklassen. Aber die Tochter verzweifelt nicht sondern bringt das Gut zu alter Stärke zurück. Und leistet sich einen Ehemann, der feingeistig ist und Kultur auf die Principal bringt. Ihre gemeinsame Tochter Maria muss sich erst einmal aus dem Schatten ihrer Mutter lösen. Und hat außerdem eine heimliche Schwäche für den Sohn eines Dienstmädchens - und dann geschieht auch noch ein Mord.....

    In vielen Rückblenden, Verschachtelungen und kleinen Geschichten entsteht ein Kosmos, in den die jeweilige Zeitgeschichte immer wieder einbricht: Spanischer Bürgerkrieg, Franco-Regime, Polizeiliche Mordermittlungen..... Dies alles wird durch die Form der Geschichte sehr spannend erzählt. Ich habe angefangen zu lesen und konnte nicht mehr aufhören. Ein wenig habe ich mich gefühlt wie bei der Lektüre von "Die Stimmen des Flusses" - auch ein katalanischer Roman, auch mit einer Vielzahl von Charakteren bestückt, auch mit Geschichten, die weder schwarz noch weiß sind sondern die vielen Nuancen des Lebens und der Gerechtigkeit zeigen.

    Wer in einer Geschichte wirklich versinken möchte und keine Angst vor vielen Protagonisten und vielen Zeitsprüngen hat, dem sei die Lektüre sehr empfohlen. Ich habe das Buch jedenfalls sehr gerne gelesen.

Auf der Suche nach "dem" Sommerbuch

Weist ein in Blau gestaltetes Titelbild schon auf das Sommerbuch hin (wie bei "Der Sommer der Porters")? Oder können bunte Blumen und der Titel "Sommernomaden" zum Sommerbuch führen (wie beim Buch von Marianne Jungmaier)? Oder ist das Wort "Insel" im Buchtitel ein Garant für ein Sommerbuch (wie bei Inseltage von Jette Jansen)?

Fazit: Tendenziell alles Hinweise - aber kein Garant.

Daher mein persönlicher Tipp: Wenn man sich im Urlaub auch einmal an anspruchsvollere Texte wagen möchte - dann unbedingt die Sommernomanden lesen! Geht auch Abschnittsweise - jeden Tag ein Kapitel. Und wenn es leicht und luftig sein soll: Dann Inseltage lesen. Und der Sommer der Porters? Ich persönlich war nicht so begeistert, wie ich es erhofft hatte. Aber vielleicht lag es auch an meinen extrem hohen Erwartungen.

Neue Rezensionen 2016

2. Aug, 2016

Sommernomaden von Marianne Jungmaier

Ein schönes, buntes, tropisch anmutendes Cover. Dazu der Titel "Sommernomaden". Das wirkt auf den ersten Blick wie die optimale Lektüre auf Reisen oder im Strandkorb. Kann es auch sein - wenn man damit nicht eine leichte, seichte Lektüre verbindet. Sondern die Zeit im Urlaub nutzen möchte, um über das Leben nachzudenken und darüber, was das Reisen mit den Menschen macht.

Es handelt sich um einzelne Geschichten, die nach den Ländern benannt sind, die die (immer gleiche) Protagonistin bereist. Beschrieben werden aber weniger die Sehenswürdigkeiten auf der Reise als vielmehr die Gefühle, die die einzelnen Reisen auslösen. Wichtig sind auch die Menschen, die die Reisende überall auf der Welt trifft und die einen Großteil der Faszination ausmachen.

Die Protagonistin ist eher eigenbrötlerisch, sucht die Einsamkeit und möchte ungebunden sein. So reist sie z.B. auf ein altes Schloss in Schottland, das einen Rückzugsort für Schriftsteller bietet. Aber es gibt auch die Sehnsucht nach Erlebnis, nach Rausch und danach, Erlebnisse mit anderen Menschen zu teilen (wenn auch nur kurz) wie es z.B. bei einer Reise zu einem Festival in der Wüste von Nevada oder beim Kurzbesuch in Berlin geschieht. Auch spirituelle Erfahrungen fehlen nicht, diese werden vor allem in den in Indien und Brasilien spielenden Geschichten beschrieben.

Besonders faszinierend fand ich die schöne, poetische und bildhafte Sprache.

Das Buch ist sprachlich durchaus anspruchsvoll und mit den Gedanken und Gefühlen der Protagonistin muss man sich erst einmal beschäftigen. Außerdem wird vieles nur angedeutet und nicht erläutert. Vieles ist rein assoziativ.. Also kein Reiseführer und keine leichte Urlaubs-Lektüre. Aber eine lohnende Lektüre, die zur Auseinandersetzung damit einlädt, warum wir eigentlich so gerne reisen und was das Reisen in uns auslösen kann.

2. Aug, 2016

Inseltage von Jette Jansen

Dies ist wirklich ein Buch für den Strandkorb - spielt es doch teilweise sogar in einem Strandkorb. Dieser steht auf der Nordseeinsel Spiekeroog und Franzi trifft dort einen sehr charmanten Mann - ist das der Aufbruch in ein neues Leben?
Denn Franzi hat Bayern Hals über Kopf verlassen - Flucht aus einer schwierigen Beziehung - und arbeitet während der Sommersaison auf der Insel in einem Restaurant. Obwohl sie doch eigentlich Zahnarzthelferin ist....

Wie sie es trotzdem schafft, im Job zu bestehen, wer ihr dabei hilft und wie sie auch durch die Hilfe von neuen Freunden ihren Weg findet - das wird in dieser leichten, unbeschwerten Sommergeschichte erzählt. Nicht immer scheint die Sonne - weder auf der Insel noch im Leben von Franzi - aber das Buch ist gut und einfach zu lesen, zeigt die Schönheiten der Insel und die Eigenheiten der einheimischen Bevölkerung.

Ein Urlaubs-Wohlfühl-Buch. Am besten in einem Strandkorb an der Nordsee lesen

2. Aug, 2016

Die Sommer der Porters von Elizabeth Graver

Ein blau-weißes Cover, eine Anmutung von Meer - und ein Verlag, der MARE heißt - das versprach ein richtiges Sommerbuch zu werden. Wurde es dann doch nicht ganz. Warum? Hier der Versuch einer subjektiven Erklärung.

Die gut situierte Familie Porter aus New Jersey besitzt ein großes Grundstück mit Sommerhaus auf der (fiktiven) Halbinsel Ashaunt vor der Küste von Neuengland. Dort verbringt die Familie die Sommer mit möglichst allen Familienmitgliedern und mit den Hausangestellten. Im Laufe der Jahre gibt es Sterbefälle, Unglücke, glückliche und unglückliche Liebesgeschichten, Eltern-Kind-Konflikte und neue Generationen wachsen heran. Für alles ist Ashaunt die Kulisse und der Dreh- und Angelpunkt.

Das hört sich nach einer richtig schönen Familiensaga an. Aber dafür sind die einzelnen Abschnitte zu unterschiedlich, die jeweils ausgewählten Protagonisten gefühlt zu wahllos ausgewählt. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass ursprünglich ca. 1000 Seiten geschrieben wurden (das hätte ein rundes Bild ergeben) und dann mehr oder weniger willkürlich gekürzt wurde. Es gibt eine Vielzahl von Personen - das macht es manchmal unübersichtlich. Viele werden nur kurz erwähnt und dann liest man nie mehr etwas von ihnen. Einige werden öfter erwähnt - aber es gibt keine Erklärungen für ihr Verhalten/ihre Krankheiten/ihre Krisen - da nichts von ihnen erzählt wird. Als Leserin muss ich zwar nicht immer alles haarklein erläutert bekommen, es kann auch durchaus einmal subtiler erzählt werden - aber hier war eben oft gar kein Anhaltspunkt.

Ich hatte ein Buch in der Art von ungefähr "Sommer in Maine" oder "Tausend Sommer" erwartet. Ähnliche Thematik (Sommerhaus) und richtige "Schmöker". Wahrscheinlich war ich persönlich deshalb etwas enttäuscht.

Empfehlen kann ich die Lektüre trotzdem. Sprache und Schreibstil sind sehr schön und gut angepasst an die jeweiligen Protagonisten/Abschnitte. Wenn ich nicht so hohe Erwartungen gehabt hätte, wäre ich wahrscheinlich sehr zufrieden gewesen. So bleibt für mich das Gefühl, dass etwas fehlte.

3. Jun, 2016

Die Vier Liebeszeiten von Birgit Rabisch

Eine Liebe, die ein Leben lang hält - davon träumen viele Menschen. Doch die meisten Romane enden, sobald das Paar zusammenkommt. In diesem Buch ist dies anders - es werden alle Zeiten dieser Liebe erzählt, eben die "Vier Liebeszeiten", aufgeteilt in Frühling (Kennenlernen), Sommer (Familiengründung), Herbst (Kinder erwachsen) und Winter (bis der Tod Euch scheidet...).

Dies ist sehr berührend geschrieben - selten hat mich ein Buch so berührt, glücklich und traurig zugleich zurückgelassen.
Es geht nicht nur um das Paar, sondern auch um die jeweiligen Herkunftsfamilien, die Auswirkungen der Nachkriegszeit und der 68er und um das, was das Paar daraus im Laufe des Lebens macht.

Da ist das schwierige Verhältnis zu den Eltern, der Wunsch, es anders zu machen. Die Erfahrungen aus dem 68er-WG-Leben und der Umgang damit, dass die gesamte Welt anscheinend die freie Sexualität leben will - oder doch nicht? Das Nicht-Heiraten-Wollen - und doch Stabilität für die Beziehung und die Kinder bieten. Der Wunsch, auch als Mutter eine wissenschaftliche Karriere zu verfolgen und der Umgang damit, dass der Mann sich mehr um die Kinder kümmert und weniger verdient - damals sehr selten und auch heute noch nicht anerkannt.

In diesem Spannungsfeld entwickelt sich eine lebenslange Liebe. Natürlich nicht ohne Probleme und Krisen - aber auch mit wunderschön vertrauten Momenten.

Ein Buch- und Geschenktipp für alle Paare, die länger zusammenbleiben wollen oder zusammen geblieben sind.

3. Jun, 2016

Alles wird hell von Julia Jessen

Das Buch erzählt das Leben von Oda. Erzählt wird (sehr kunstvoll gemacht) in den wenigen Minuten zwischen Leben und Tod aus der Retrospektive. Es wird nicht monumental die gesamte Lebensgeschichte ausgebreitet, sondern es werden die wichtigsten Momente und Meilensteine in Odas Leben erzählt. Da ist das Kind, das erstmals gesetzte Grenzen überschreitet. Die 16jährige, die gleichzeitig den Tod ihrer Urgroßmutter, die Hochzeit ihrer Tante und ihre erste sexuelle Erfahrung erlebt. Die fast 40jährige Ehefrau und Mutter, deren Lebensplanung und Ehe zu zerbrechen drohen - und die einen sehr unkonventionellen Weg geht, um damit umzugehen. Und die alte Frau, die wieder einen eher unkonventionellen Entschluss fast, als es um den Tod geht. Das alles ergibt ein rundes, realistisches Bild eines Lebens. Eines gelebten - oder wie Oda es wohl empfunden hätte - getanzten Lebens. Den Oda ist Tänzerin. Und wenn sie etwas ausdrücken oder empfinden möchte, dann tanzt Oda.

Tanzen war mir bisher eher fremd - jetzt würde ich doch gerne einmal in eine Tanzvorstellung gehen. So sehr hat mich das Buch beeindruckt. Wie mir überhaupt das Buch neue Impulse gegeben hat. Und mich vor allem tief im Inneren sehr berührt hat. Mir sind oft die Tränen gekommen. Nicht, weil das Buch so traurig ist - nein, weil die Geschichte berührt. Mir persönlich war Oda sehr nahe.
Warum kann ich gar nicht genau beschreiben. Die Sprache des Buches ist schön, bildhaft - aber trotzdem klar und gut verständlich Es gibt viele Bilder, Metaphern und Beschreibungen von Gefühlen und Assoziationen. Das erzeugt insgesamt ganz eigene Atmosphäre. Alles das zusammen macht für mich ein Meisterwerk aus. Und so empfinde ich dieses Buch.

25. Apr, 2016

Im Land der gefiederten Schlange von Carmen Lobato

Da ich die Bücher dieser Autorin sehr mag, habe ich mir ihre in Mexiko spielenden Bücher für meinen Urlaub für meinen Tolino gekauft und habe es nicht bereut.

Ich bin durch Mexiko gereist - real - und habe viel über die Geschichte Mexikos gelernt - beim Lesen. Eine für mich ideale Mischung.

Carmen Lobata (Pseudonym von Charlotte Lyne / Charlotte Roth) schreibt einfach wunderbar spannend und historisch gut recherchiert. Und immer mit einem Bezug zu Heute. In diesem Fall zufälligerweisen zu einem gerade wieder sehr aktuellen Thema: Was ist Heimat?

Es geht hier jedoch nicht um Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sondern um Deutsche, die nach Mexiko auswandern. Dies zwar nicht aus Flucht vor Krieg - aber doch aus wirtschaftlichen Gründen.
Die drei fast Erwachsenen Kinder der hanseatischen Kaufmannsfamilie Hartmann werden nach Mexiko geschickt, denn das Familienunternehmen ist pleite und in Veracruz soll sich ein schon dort lebender Verwandter kümmern. Aber vieles wird nicht so laufen wie geplant.

Denn das neue Land ist heiß, stickig und laut und empfängt die Deutschen nicht mit Dankbarkeit. Sondern es wird von Indios bewohnt, die noch nicht einmal richtig Deutsch sprechen und denen man nicht einmal verbieten kann, die Siedlung der Ausländer zu betreten. Und so bauen sich große Barrieren zwischen den Einheimischen und den Zuwandern auf. Und nur einige wenige Mitglieder der Familie Hartmann - vor allem die in Mexiko geborene Katharina - bauen freundschaftliche Beziehungen zu Einheimischen auf.

Und so entwickelt sich eine Familiengeschichte - besser: Ein Familiendrama - über Generationen hinweg. Beeinflusst vom Lauf der mexikanischen Geschichte und vom eigentlichen Plan der Familie Hartmann, wieder in die Heimat zurückzukehren.


Im Mittelpunkt stehen Katharina und ihr Kindheitsfreund Benito Alvarez. Und deren Familien haben mehr miteinander zu tun als es auf den ersten Blick ersichtlich ist.

14. Mär, 2016

Der Menschliche Makel von Philip Roth

Diese Buch konnte mich leider nicht begeistern - obwohl Philip Roth stilistisch sehr gut schreibt.

23. Feb, 2016

Die Glasglocke (von Sylvia Plath)

"Die Glasglocke" ist der einzige Roman von Sylvia Plath, die vornehmlich Lyrik verfasst hat. Dieser Roman erschien in dem Jahr, in dem Sylvia Plath sich umgebracht hat.

Ich hatte daher so meine Vorbehalte gegen dieses Buch, zu wirr und zu kompliziert hatte ich es mir vorgestellt. Und wenn wir es nicht im Lesekreis gelesen hätte, würde es wohl immer noch auf meinem virtuellen Stapel der noch zu lesenden Bücher liegen.

Zunächst war ich überrascht wie recht leicht die Lektüre am Anfang war. Nicht seicht - aber gut lesbar. Ab der Mitte des Buches wird es dann weitaus trauriger - aber bis dahin ist man von der Geschichte so in den Bann gezogen, dass man einfach weiterlesen muss.

Die Geschichte handelt von Esther, Anfang Zwanzig, bisher brave und fleißige Tochter und Gewinnerin diverser Stipendien. Aus dem ländlichen Neuengland stammend und noch nie dort herausgekommen, schafft es Esther zu einem Praktikum bei einer renommierten Zeitschrift in New York. Aber das Leben in New York und die neuen Anforderungen überfordern Esther - und ihr bisheriger Lebenstraum scheint in weite Ferne zu rücken. Dachte ich am Anfang noch, dass es eine "Landei kommt in die große Stadt und muss sich behaupten" - Geschichte wird, so zeigt sich im weiteren Verlauf, dass die Probleme viel tiefer liegen....

Dies alles wird sehr eindringlich und beklemmend erzählt. Mit großer sprachlicher Wucht. Wer sich richtige Depressionen bisher nicht vorstellen konnte - der wird nach dieser Lektüre eine bessere Vorstellung davon haben. Ist ein Roman über Depressionen wirklich eine Leseempfehlung? Ja - dieser hier auf jeden Fall.

23. Feb, 2016

Ein Jahr auf dem Land (von Anna Quindlen)

Auch dieses Buch spielt in New York - ist dann aber doch ganz anders als die Glasglocke von Sylvia Plath.

Letztes Jahr war ich im Rahmen der litcologne bei einer Lesung mit Anna Quindlen. Mir hatte vor Jahren ihr Roman "Lebenslinien" sehr gut gefallen. Und die Lesung zu diesem neuen Buch war auch sehr interessant. Und nun habe ich das neue Buch endlich gelesen. Und es war richtig schön, das Lesen.

Das Buch erzählt die Geschichte von Rebecca Winter, einer berühmten Fotografin, deren Ruhm jedoch im Alter von 60 Jahren spürbar nachlässt. Deshalb zieht sie für ein Jahr aufs Land, Sie vermietet ihre Luxuswohnung in New York und mietet ein kleines einfaches Haus, um ihre finanzielle Lage zu verbessern. Und dieses Jahr auf dem Land bringt einen unerwarteten Neuanfang, sowohl in beruflicher als auch in persönlicher Hinsicht.


Anna Quindlen erzählt eine schöne, hoffnungsvolle Geschichte mit viel Warmherzigkeit, sehr guter Figuren-Zeichnung und in einer schönen und pointierten Sprache. Dabei entlarvt sie so manches Klischee über den Clash zwischen Stadt- und Landbewohnern und über Kunst und Kunstexperten - bleibt dabei jedoch bei einem liebevollen, verständnisvollen Blick auf die Protagonisten - auch wenn diese durchaus ihre schwierigen Seiten haben. Und obwohl das Leben sowohl in der Stadt als auch auf dem Land keine Idylle ist.

Fazit: Ein sehr gut gelungener Unterhaltungsroman, der nicht seicht ist - sondern sehr viel Tiefgang hat - und witzig und gut geschrieben ist.

  • SUNA von Pia Ziefle

    Anfang des Jahres hatte ich "Etwas länger als sonst ist nicht für immer" von Pia Ziefle gelesen. Und dieses Buch hatte mich sehr berührt.
    Nun habe ich den Debütroman von Pia Ziefle gelesen "Suna" - und wieder war ich von der ersten Seite an verzaubert vom Schreibstil dieser Autorin. Und nicht nur der Schreibstil verzaubert - sondern auch die Geschichte. Diese ist traurig, berührend und doch hoffnungsvoll.

    Es geht um eine junge Mutter, deren Baby nicht schläft und viel schreit. Und die Mutter erzählt dem Baby in den schlaflosen Nächten die Geschichte seiner Vorfahren. Es gibt Verwandte in Serbien, in Anatolien und im Schwäbischen. Blutsverwandte und Adoptierte Verwandte. Und alles verwoben mit der Geschichte der Anwerbung von Gastarbeitern, dem Krieg auf dem Balkon und der Situation von Frauen, die Mutter werden und deren Lebenssituation dafür eigentlich zu schwierig ist und von Frauen, die so gerne Mutter sein würden und dann nur das das Beste für ihr Kind geben würden. Es gibt daher sehr traurige Momente, sehr schwierige Momente und sehr schöne Momente in der Geschichte. Und vor allem ist es eine Geschichte, die angenommen werden muss. Vom Baby - und von seiner Mutter, denn sonst kann ein Kind keine Wurzeln bilden - "und ohne Wurzeln kann das Herz nicht wachsen".

    Diese und andere schöne Sprachbilder findet Pia Ziefle in ihrem Roman, der sehr warmherzig von Menschen erzählt. die im Geflecht von Auswanderung, schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen, unerbittlichen Erwartungen der Familie und schwierigen Liebesbeziehungen ihren Weg finden müssen - und sich nicht selten verlaufen.
    Und trotzdem ist es ein hoffnungsvolles Buch, das man am besten in einem durch liest - denn zur Seite legen will man es zwischendurch nicht.

  • SCHWARZ und SILBER von Paolo Giordano

    Das erste Buch von Paolo Giordano "Die Einsamkeit der Primzahlen" hat mich damals sehr begeistert. Und auch dieses Buch ist wieder etwas ganz Besonderes. Ein schmales Buch - das doch so viel erzählt.

    Es geht um eine Junge Familie (Physiker, Architektin, ein kleines Kind) und deren Haushälterin. Die Haushälterin heißt Signora A., wird aber von allen Babette genannt - wie die legendäre Babette in Tania Blixens Novelle.

    Die Haushälterin gibt der Familie Struktur und kümmert sich liebevoll von Anfang an um das Kind, wurde sie doch schon in der Schwangerschaft engagiert. Als die Haushälterin an Krebs erkrankt und nicht mehr für die Familie da sein kann, verliert die Familie ihre Struktur. Denn eigentlich ist jeder in der Familie mit sich selbst beschäftigt - und tendenziell mit dem praktischen Leben überfordert. Er will sich beruflich weiterentwickeln, dazu wäre ein Umzug ins Ausland erforderlich. Ihr fällt es schwer, sich solch einen Umzug oder überhaupt Änderungen vorzustellen, sie hadert schon mit der Vereinbarkeit zwischen Beruf, Familie und dem alltäglichen Leben. Beide scheinen aus Familien zu kommen, die ihnen kein Vorbild für ihr Leben sein können. Die Haushälterin hat eine sehr traditionelle Ehe gelebt - und übernimmt bei der Familie quasi die traditionelle Hausfrauen- und Mutterrolle. Damit gibt sie den Eltern Freiraum - und dem Kind Geborgenheit. Bis sie krank wird.

    Das Gleichgewicht der Familie ist ohne Haushälterin gestört - und es fällt allen schwer, ein neues Gleichgewicht zu finden.

    Wie die Familie damit umgeht, wird aus der Sicht des Erzählers geschildert, in vielen Zeit-Ebenen mit vielen Rückblenden. Es ist eine kleine Geschichte, ein dünnes Buch - das doch viele Aspekte einer existentiellen Erfahrung beschreibt.

    Wie immer wirkt Paolo Giordanos Buch streng durchkomponiert - Giordano ist selbst Physiker - und naturwissenschaftliche Thesen werden zur Erläuterung der Geschehnisse herangezogen (hier die Lehre von den Körpersäften). Auch der Titel des Buches nimmt Bezug zu dieser These.

    Und wie immer gibt es wunderbare Sätze, die man sich gerne merken würde und über die man gerne länger nachdenken würde. Daher wirkt dieses Buch nach - auch wenn die Protagonisten dem Leser eher fremd bleiben. Was vielleicht das Einzige eventuell Schwierige und Negative an diesem Buch sein könnte: Die Protagonisten bleiben auf Distanz, der Leser kann sich nur schwer einfühlen.

    Daher: Ein eher "kühles" Lese-Vergnügen. In gedämpften Farben. Schwarz und Silber, wobei das Silber sowohl grau als auch lebendig, warm und glänzend erscheinen kann.

  • Die Nacht der Zugvögel

    Ausgangspunkt dieses Buches ist eine kurze Begegnung in Berlin: Viola ist unterwegs in ihre Heimatstadt zur Beerdigung ihrer Schwester. Zufällig landet sie auf einer Party in der WG von Leo. Diese Begegnung ist für beide der zunächst unbemerkte Startpunkt, Veränderungen im Leben zuzulassen und sich zu öffnen für Andere und für das Leben. Beide leben in einer Art Starre, können und wollen sich nicht fest binden und leben fast noch so ungebunden wie Jugendliche, obwohl sie schon Ende zwanzig sind.

    Leo ist der Typ ewiger Student, lebt vom Monatsscheck seines Vaters und verkriecht sich ansonsten in seinem Zimmer. Viola hat auf den ersten Blick schon mehr erreicht, sie hat ihr Studium abgeschlossen und arbeitet in London als Auslandskorrespondentin. Aber Viola trägt immer noch schwer am Verschwinden ihrer Zwillingsschwester vor vielen Jahren und hat damals fluchtartig ihre Heimat verlassen und im Ausland studiert. Nun wird sie sich gemeinsam mit ihren Eltern der Vergangenheit stellen müssen. Und auch Leo trägt Narben aus seiner Familiengeschichte mit sich herum und versucht zunächst, dem Kontakt mit seiner Familie zu entgehen.

    Viola und Leo schreiben sich nach der kurzen Begegnung gegenseitig Briefe, die aber nicht beim Empfänger ankommen können. Denn Leo geht auf einen Roadtrip quer durch Deutschland mit seiner Mitbewohnerin, die auf der Suche nach ihrem verschwundenen Bruder ist und die Adresse von Viola hat Leo nicht. Sind die Briefe nur Hilfe auf dem Weg zu sich selbst oder werden die Briefe auch den Adressaten erreichen? Werden Viola und Leo sich wiedersehen? Dies sind die Fragen, die sich der Leser in diesem Buch sicherlich stellt.

    Darüber hinaus erzählt das Buch von Geschwister-Beziehungen. Und davon, wie sehr Verletzungen und Geschehnisse in der Kindheit das eigene Leben beeinflussen können. Und wie es gelingen kann, den eigenen Platz im Leben zu finden - oder zu erkennen, dass es ihn schon gibt.

    Das sehr Besondere an diesem Buch ist die Sprache, in der es geschrieben ist. Melancholisch, tiefgründig, poetisch. Es gibt viele Sprachbilder, viele schöne Beschreibungen von Landschaften und von Gefühlen. Natürlich gibt es auch gut beschriebene Handlung, z.B. Leos Roadtrip quer durch Deutschland, der irgendwann in seinem Elternhaus landet. Oder Violas Erfahrungen mit ehemaligen Mitschülern und deren heutiger Lebenswelt. Und die Protagonisten und Nebenfiguren werden gut beschrieben. Einiges bleibt jedoch im Unklaren und manche Dinge hätte man als Leser sicherlich gerne noch gewusst, so ein ganz klein wenig Unzufriedenheit könnte übrig bleiben nach der Lektüre, so ging es mir zumindest.

    Aber die wunderschöne Sprache wiegt das für mich auf. Mich hat damals schon der Debüt- Roman der Autorin "Das Meer in dem ich Schwimmen lernte" nachhaltig beeindruckt und auch diesmal war ich wieder begeistert.

    Ein sehr besonderes Buch - das ich bald in einem meiner Lesekreise empfehlen werde.

  • Der Tag , an dem meine Frau einen Mann fand

    Rasmus und Chloe sind seit mehr als zwanzig Jahren ein Paar. Er ist Regisseur und war eine Weile lang sehr erfolgreich, jetzt ist der Erfolg vorbei und er hält sich mit obskuren kleinen Aufträgen über Wasser. Chloe ist die Frau an seiner Seite und hat ihr Leben rund um ihren Mann aufgebaut. Wohl deshalb, weil sie sich nicht begabt genug fand, um selbst etwas zu schaffen.


    Die beiden scheinen eigentlich ganz zufrieden mit ihrer Beziehung - der Sex ist ihnen jedoch im Laufe der Zeit abhanden gekommen - bzw. der Sex war für beide noch nie besonders gut in ihrer Beziehung. Und so leben und langweilen sich beide so nebeneinander her. Bis sie während eines ebenfalls langweiligen Auslandsaufenthaltes in einem "Massagesalon" landen und Chloe sich in den "Masseur" verliebt, weil dieser in ihr ungeahnte Gefühle in sexueller Hinsicht auslöst.

    Es beginnt eine fatale Menage-a-trois.

    Das hört sich wahlweise nach Spannung, Kitsch oder Erotik an. Ist es aber nicht. Sondern Sibylle Berg erzählt schonungslos, ohne Tabus, zynisch, analytisch und mit beißendem Spott. Und so gerät diese Geschichte zu einer tragisch-absurden Analyse des Lebensmodels der Bildungsbürger, die heute nur noch "Nicht-Reiche" sind und die grandios an ihren Ansprüchen scheitern. Und das Leben damit verbringen, Angst vor dem Tod zu haben und jedes kleine Detail ihres Verfalls zu dokumentieren (die Falten, die fahle Haut, der Haarausfall....). Und natürlich ist das Ehepaar kinderlos - mehr zufällig - aber in so viel Apathie und Verfall würde auch nichts Neues, Lebendiges passen.

    Das alles erinnert ein wenig an Houellebecq. Der äußerliche Verfall, die absurden Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der destruktive Blick auf Sex. Das alles ist gut geschrieben und trotz der eher schwierigen Protagonisten ganz gut zu lesen. Aber es lässt keine Freude aufkommen. Das ist aber sicher auch nicht gewollt.

    Und wenn jemand anhand der Inhaltsangabe jetzt denkt, dass Buch wäre eventuell erotisch - nein - das ist es nicht. Gar nicht.