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D Der Menschliche Makel von Philip Roth

Philip Roth schreibt wirklich gut - das muss ich zugeben. Literarisch betrachtet also sicher ein Juwel. Aber ich bewerte hier nur subjektiv.

Und mich konnte dieses Buch nicht packen. Es war mal wieder eine College Geschichte, mal wieder ein alter College Professor und eine junge Geliebte. Wobei es zum Glück nicht ganz so klassisch endet: Eigentlich sind die jungen Frauen doch eher die Stärkeren...

Aber ansonsten packen mich persönlich die Themen von Roth nicht - sie mögen für die USA wichtig sein (hier: Thema Schwarze und Weiße). Für mich als Europäerin haben College und Schwarz-Weiß wohl weniger Relevanz. Genauso wenig Relevanz wie das Thema Alter Mann und Junge Frau.

D - Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand

Rasmus und Chloe sind seit mehr als zwanzig Jahren ein Paar. Er ist Regisseur und war eine Weile lang sehr erfolgreich, jetzt ist der Erfolg vorbei und er hält sich mit obskuren kleinen Aufträgen über Wasser. Chloe ist die Frau an seiner Seite und hat ihr Leben rund um ihren Mann aufgebaut. Wohl deshalb, weil sie sich nicht begabt genug fand, um selbst etwas zu schaffen.


Die beiden scheinen eigentlich ganz zufrieden mit ihrer Beziehung - der Sex ist ihnen jedoch im Laufe der Zeit abhanden gekommen - bzw. der Sex war für beide noch nie besonders gut in ihrer Beziehung. Und so leben und langweilen sich beide so nebeneinander her. Bis sie während eines ebenfalls langweiligen Auslandsaufenthaltes in einem  "Massagesalon" landen und Chloe sich in den "Masseur" verliebt, weil dieser in ihr ungeahnte Gefühle in sexueller Hinsicht auslöst.

Es beginnt eine fatale Menage-a-trois. 

Das hört sich wahlweise nach Spannung, Kitsch oder Erotik an. Ist es aber nicht. Sondern Sibylle Berg erzählt schonungslos, ohne Tabus, zynisch, analytisch und mit beißendem Spott. Und so gerät diese Geschichte zu einer tragisch-absurden Analyse des Lebensmodels der Bildungsbürger, die heute nur noch "Nicht-Reiche" sind und die grandios an ihren Ansprüchen scheitern. Und das Leben damit verbringen, Angst vor dem Tod zu haben und jedes kleine Detail ihres Verfalls zu dokumentieren (die Falten, die fahle Haut, der Haarausfall....). Und natürlich ist das Ehepaar kinderlos - mehr zufällig - aber in so viel Apathie und Verfall würde auch nichts Neues, Lebendiges passen. 

Das alles erinnert ein wenig an Houellebecq. Der äußerliche Verfall, die absurden Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der destruktive Blick auf Sex. Das alles ist gut geschrieben und  trotz der eher schwierigen Protagonisten ganz gut zu lesen. Aber es lässt keine Freude aufkommen. Das ist aber sicher auch nicht gewollt.

Und wenn jemand anhand der Inhaltsangabe jetzt denkt, dass Buch wäre eventuell erotisch - nein - das ist es nicht. Gar nicht.

 

D Die Glasglocke von Sylvia Plath

"Die Glasglocke" ist der einzige Roman von Sylvia Plath, die vornehmlich Lyrik verfasst hat. Dieser Roman erschien in dem Jahr, in dem Sylvia Plath sich umgebracht hat. 


Ich hatte daher so meine Vorbehalte gegen dieses Buch, zu wirr und zu kompliziert hatte ich es mir vorgestellt. Und wenn wir es nicht im Lesekreis gelesen hätte, würde es wohl immer noch auf meinem virtuellen Stapel der noch zu lesenden Bücher liegen.

Zunächst war ich überrascht wie recht leicht die Lektüre am Anfang war. Nicht seicht - aber gut lesbar. Ab der Mitte des Buches wird es dann weitaus trauriger - aber bis dahin ist man von der Geschichte so in den Bann gezogen, dass man einfach weiterlesen muss. 

Die Geschichte handelt von Esther, Anfang Zwanzig, bisher brave und fleißige Tochter und Gewinnerin diverser Stipendien. Aus dem ländlichen Neuengland stammend und noch nie dort herausgekommen, schafft es Esther zu einem Praktikum bei einer renommierten Zeitschrift in New York. Aber das Leben in New York und die neuen Anforderungen überfordern Esther - und ihr bisheriger Lebenstraum scheint in weite Ferne zu rücken. Dachte ich am Anfang noch, dass es eine "Landei kommt in die große Stadt und muss sich behaupten" - Geschichte wird, so zeigt sich im weiteren Verlauf, dass die Probleme viel tiefer liegen....

Dies alles wird sehr eindringlich und beklemmend erzählt. Mit großer sprachlicher Wucht. Wer sich richtige Depressionen bisher nicht vorstellen konnte - der wird nach dieser Lektüre eine bessere Vorstellung davon haben. Ist ein Roman über Depressionen wirklich eine Leseempfehlung? Ja - dieser hier auf jeden Fall.

D Die vier Liebeszeiten von Birgit Rabisch

Eine Liebe, die ein Leben lang hält - davon träumen viele Menschen. Doch die meisten Romane enden, sobald das Paar zusammenkommt. In diesem Buch ist dies anders - es werden alle Zeiten dieser Liebe erzählt, eben die "Vier Liebeszeiten", aufgeteilt in Frühling (Kennenlernen), Sommer (Familiengründung), Herbst (Kinder erwachsen) und Winter (bis der Tod Euch scheidet...).

Dies ist sehr berührend geschrieben - selten hat mich ein Buch so berührt, glücklich und traurig zugleich zurückgelassen. 
Es geht nicht nur um das Paar, sondern auch um die jeweiligen Herkunftsfamilien, die Auswirkungen der Nachkriegszeit und der 68er und um das, was das Paar daraus im Laufe des Lebens macht.

Da ist das schwierige Verhältnis zu den Eltern, der Wunsch, es anders zu machen. Die Erfahrungen aus dem 68er-WG-Leben und der Umgang damit, dass die gesamte Welt anscheinend die freie Sexualität leben will - oder doch nicht? Das Nicht-Heiraten-Wollen - und doch Stabilität für die Beziehung und die Kinder bieten. Der Wunsch, auch als Mutter eine wissenschaftliche Karriere zu verfolgen und der Umgang damit, dass der Mann sich mehr um die Kinder kümmert und weniger verdient - damals sehr selten und auch heute noch nicht anerkannt.

In diesem Spannungsfeld entwickelt sich eine lebenslange Liebe. Natürlich nicht ohne Probleme und Krisen - aber auch mit wunderschön vertrauten Momenten.

Ein Buch- und Geschenktipp für alle Paare, die länger zusammenbleiben wollen oder zusammen geblieben sind.

D - Die Nacht der Zugvögel

Ausgangspunkt dieses Buches ist eine kurze Begegnung in Berlin: Viola ist unterwegs in ihre Heimatstadt zur Beerdigung ihrer Schwester. Zufällig landet sie auf einer Party in der WG von Leo. Diese Begegnung ist für beide der zunächst unbemerkte Startpunkt, Veränderungen im Leben zuzulassen und sich zu öffnen für Andere und für das Leben. Beide leben in einer Art Starre, können und wollen sich nicht fest binden und leben fast noch so ungebunden wie Jugendliche, obwohl sie schon Ende zwanzig sind. 

Leo ist der Typ ewiger Student, lebt vom Monatsscheck seines Vaters und verkriecht sich ansonsten in seinem Zimmer. Viola hat auf den ersten Blick schon mehr erreicht, sie hat ihr Studium abgeschlossen und arbeitet in London als Auslandskorrespondentin. Aber Viola trägt immer noch schwer am Verschwinden ihrer Zwillingsschwester vor vielen Jahren und hat damals fluchtartig ihre Heimat verlassen und im Ausland studiert. Nun wird sie sich gemeinsam mit ihren Eltern der Vergangenheit stellen müssen. Und auch Leo trägt Narben aus seiner Familiengeschichte mit sich herum und versucht zunächst, dem Kontakt mit seiner Familie zu entgehen.  

Viola und Leo schreiben sich nach der kurzen Begegnung gegenseitig Briefe, die aber nicht beim Empfänger ankommen können. Denn Leo geht auf einen Roadtrip quer durch Deutschland mit seiner Mitbewohnerin, die auf der Suche nach ihrem verschwundenen Bruder ist und die Adresse von Viola hat Leo nicht. Sind die Briefe nur Hilfe auf dem Weg zu sich selbst oder werden die Briefe auch den Adressaten erreichen? Werden Viola und Leo sich wiedersehen?  Dies sind die Fragen, die sich der Leser in diesem Buch sicherlich stellt.

Darüber hinaus erzählt das Buch von Geschwister-Beziehungen. Und davon, wie sehr Verletzungen und Geschehnisse in der Kindheit das eigene Leben beeinflussen können. Und wie es gelingen kann, den eigenen Platz im Leben zu finden - oder zu erkennen, dass es ihn schon gibt.

Das sehr Besondere an diesem Buch ist die Sprache, in der es geschrieben ist. Melancholisch, tiefgründig, poetisch. Es gibt viele Sprachbilder, viele schöne Beschreibungen von Landschaften und von Gefühlen. Natürlich gibt es auch gut beschriebene Handlung, z.B. Leos Roadtrip quer durch Deutschland, der irgendwann in seinem Elternhaus landet. Oder Violas Erfahrungen mit ehemaligen Mitschülern und deren heutiger Lebenswelt. Und die Protagonisten und Nebenfiguren werden gut beschrieben. Einiges bleibt jedoch im Unklaren und manche Dinge hätte man als Leser sicherlich gerne noch gewusst, so ein ganz klein wenig Unzufriedenheit könnte übrig bleiben nach der Lektüre, so ging es mir zumindest. 

Aber die wunderschöne Sprache wiegt das für mich auf. Mich hat damals schon der Debüt- Roman der Autorin "Das Meer in dem ich Schwimmen lernte" nachhaltig beeindruckt und auch diesmal war ich wieder begeistert. 

Ein sehr besonderes Buch - das ich bald in einem meiner Lesekreise empfehlen werde.

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E - Ein Jahr auf dem Land (Anna Quindlen)

Auch dieses Buch spielt in New York - ist dann aber doch ganz anders als die Glasglocke von Sylvia Plath.

Letztes Jahr war ich im Rahmen der litcologne bei einer Lesung mit Anna Quindlen. Mir hatte vor Jahren ihr Roman "Lebenslinien" sehr gut gefallen. Und die Lesung zu diesem neuen Buch war auch sehr interessant. Und nun habe ich das neue Buch endlich gelesen. Und es war richtig schön, das Lesen.

Das Buch erzählt die Geschichte von Rebecca Winter, einer berühmten Fotografin, deren Ruhm jedoch im Alter von 60 Jahren spürbar nachlässt. Deshalb zieht sie für ein Jahr aufs Land, Sie vermietet ihre Luxuswohnung in New York und mietet ein kleines einfaches Haus, um ihre finanzielle Lage zu verbessern. Und dieses Jahr auf dem Land bringt einen unerwarteten Neuanfang, sowohl in beruflicher als auch in persönlicher Hinsicht.


Anna Quindlen erzählt eine schöne, hoffnungsvolle Geschichte mit viel Warmherzigkeit, sehr guter Figuren-Zeichnung und in einer schönen und pointierten Sprache. Dabei entlarvt sie so manches Klischee über den Clash zwischen Stadt- und Landbewohnern und über Kunst und Kunstexperten - bleibt dabei jedoch bei einem liebevollen, verständnisvollen Blick auf die Protagonisten - auch wenn diese durchaus ihre schwierigen Seiten haben. Und obwohl das Leben sowohl in der Stadt als auch auf dem Land keine Idylle ist.

Fazit: Ein sehr gut gelungener Unterhaltungsroman, der nicht seicht ist - sondern sehr viel Tiefgang hat - und witzig und gut geschrieben ist.

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I Im Land der gefiederten Schlange von Carmen Lobato

Da ich die Bücher dieser Autorin sehr mag, habe ich mir ihre in Mexiko spielenden Bücher für meinen Urlaub für meinen Tolino gekauft und habe es nicht bereut. 

Ich bin durch Mexiko gereist - real - und habe viel über die Geschichte Mexikos gelernt - beim Lesen. Eine für mich ideale Mischung.

Carmen Lobata (Pseudonym von Charlotte Lyne / Charlotte Roth) schreibt einfach wunderbar spannend und historisch gut recherchiert. Und immer mit einem Bezug zu Heute. In diesem Fall zufälligerweisen zu einem gerade wieder sehr aktuellen Thema: Was ist Heimat?

Es geht hier jedoch nicht um Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sondern um Deutsche, die nach Mexiko auswandern. Dies zwar nicht aus Flucht vor Krieg - aber doch aus wirtschaftlichen Gründen.
Die drei fast Erwachsenen Kinder der hanseatischen Kaufmannsfamilie Hartmann werden nach Mexiko geschickt, denn das Familienunternehmen ist pleite und in Veracruz soll sich ein schon dort lebender Verwandter kümmern. Aber vieles wird nicht so laufen wie geplant.

Denn das neue Land ist heiß, stickig und laut und empfängt die Deutschen nicht mit Dankbarkeit. Sondern es wird von Indios bewohnt, die noch nicht einmal richtig Deutsch sprechen und denen man nicht einmal verbieten kann, die Siedlung der Ausländer zu betreten. Und so bauen sich große Barrieren zwischen den Einheimischen und den Zuwandern auf. Und nur einige wenige Mitglieder der Familie Hartmann - vor allem die in Mexiko geborene Katharina - bauen freundschaftliche Beziehungen zu Einheimischen auf. 

Und so entwickelt sich eine Familiengeschichte - besser: Ein Familiendrama  - über Generationen hinweg. Beeinflusst vom Lauf der mexikanischen Geschichte und vom eigentlichen Plan der Familie Hartmann, wieder in die Heimat zurückzukehren.

 
Im MIttelpunkt stehen Katharina und ihr Kindheitsfreund Benito Alvarez. Und deren Familien haben mehr miteinander zu tun als es auf den ersten Blick ersichtlich ist. 

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N - NERINGA von Stefan Mostern

Der Protagonist in Stefan Mosters neuem Roman ist ein Deutscher, lebt in London, ist beruflich erfolgreich und fragt sich, was er im Leben erreicht hat. Er lebt alleine, hat keine Kinder und er arbeitet im IT-Bereich. Dies alles wirkt wenig bodenständig und trotz beruflichem Erfolg wenig nachhaltig. Der Protagonist beginnt daher im Alter von 50 Jahren, über sein Leben und über seine Familie nachzudenken.

Besonders viel denkt er über seinen Großvater nach, der als Pflasterer viele Fundamente gelegt, eine Familie versorgt und ein einfaches, bodenständiges Leben geführt hat. Dieses Nachdenken wird in vielen Rückblenden erzählt und reicht vom Anfang des letzten Jahrhunderts über die Kriegszeiten bis in die heutige Zeit. Krieg und der Verlust eines Kindes waren für die Großeltern traumatisch. Und es wird klar, dass es auch im Leben des Protagonisten einige schmerzliche Erlebnisse gegeben haben muss. 

Allerdings wird vieles nur angedeutet, man muss sehr zwischen den Zeilen lesen - und manche Geschichten entpuppen sich im Nachhinein als bloße Phantasie. Und auch eine Reise an die kurische Nehrung (Neringa) in Litauen verläuft irgendwie im Sande - die Beziehung zu der Litauerin mit Namen Neringa scheint jedoch vielversprechend - aber weiß man es?

Dieser Roman ist ein großer sprachlicher Wurf - das Lesen war schön und eine gewisse Spannung wurde aufgebaut. Und auch wenn viele Geschichten sich als Phantasie herausstellten, so waren sie doch schön zu lesen. 

Das einzige, was ich persönlich dann doch schwierig fand, war die Unsicherheit, welche Erinnerungen wirklich wahrhaftig oder relevant waren. Es ist schwierig, wenn man als Leser nicht weiß, was Wirklichkeit und was Phantasie ist. Und wenn man auch nicht genau weiß, wie es weitergeht. Andererseits ist es auch wohl nicht so wichtig. Jeder Mensch muss sein eigenes Fundament in seinem Leben finden - dazu braucht es viel Reflexion und viel Nachdenken - aber wohl keinen Beruf als Pflasterer. 

Daher: Sprachlich ausgereift. Inhaltlich hätte ich mir ein ganz klein wenig mehr Aussage gewünscht. 

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S SUNA von Pia Ziefle

Anfang des Jahres hatte ich "Etwas länger als sonst ist nicht für immer" von Pia Ziefle gelesen. Und dieses Buch hatte mich sehr berührt.
Nun habe ich den Debütroman von Pia Ziefle gelesen "Suna" - und wieder war ich von der ersten Seite an verzaubert vom Schreibstil dieser Autorin. Und nicht nur der Schreibstil verzaubert - sondern auch die Geschichte. Diese ist traurig, berührend und doch hoffnungsvoll.

Es geht um eine junge Mutter, deren Baby nicht schläft und viel schreit. Und die Mutter erzählt dem Baby in den schlaflosen Nächten die Geschichte seiner Vorfahren. Es gibt Verwandte in Serbien, in Anatolien und im Schwäbischen. Blutsverwandte und Adoptierte Verwandte. Und alles verwoben mit der Geschichte der Anwerbung von Gastarbeitern, dem Krieg auf dem Balkon und der Situation von Frauen, die Mutter werden und deren Lebenssituation dafür eigentlich zu schwierig ist und von Frauen, die so gerne Mutter sein würden und dann nur das das Beste für ihr Kind geben würden. Es gibt daher sehr traurige Momente, sehr schwierige Momente und sehr schöne Momente in der Geschichte. Und vor allem ist es eine Geschichte, die angenommen werden muss. Vom Baby - und von seiner Mutter, denn sonst kann ein Kind keine Wurzeln bilden - "und ohne Wurzeln kann das Herz nicht wachsen".

Diese und andere schöne Sprachbilder findet Pia Ziefle in ihrem Roman, der sehr warmherzig von Menschen erzählt. die im Geflecht von Auswanderung, schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen, unerbittlichen Erwartungen der Familie und schwierigen Liebesbeziehungen ihren Weg finden müssen - und sich nicht selten verlaufen.
Und trotzdem ist es ein hoffnungsvolles Buch, das man am besten in einem durch liest - denn zur Seite legen will man es zwischendurch nicht.

SCH

SCH Schwarz und Silber von Paolo Giordana

Das erste Buch von Paolo Giordano "Die Einsamkeit der Primzahlen" hat mich damals sehr begeistert. Und auch dieses Buch ist wieder etwas ganz Besonderes. Ein schmales Buch - das doch so viel erzählt.

Es geht um eine Junge Familie (Physiker, Architektin, ein kleines Kind) und deren Haushälterin. Die Haushälterin heißt Signora A., wird aber von allen Babette genannt - wie die legendäre Babette in Tania Blixens Novelle.

Die Haushälterin gibt der Familie Struktur und kümmert sich liebevoll von Anfang an um das Kind, wurde sie doch schon in der Schwangerschaft engagiert. Als die Haushälterin an Krebs erkrankt und nicht mehr für die Familie da sein kann, verliert die Familie ihre Struktur. Denn eigentlich ist jeder in der Familie mit sich selbst beschäftigt - und tendenziell mit dem praktischen Leben überfordert. Er will sich beruflich weiterentwickeln, dazu wäre ein Umzug ins Ausland erforderlich. Ihr fällt es schwer, sich solch einen Umzug oder überhaupt Änderungen vorzustellen, sie hadert schon mit der Vereinbarkeit zwischen Beruf, Familie und dem alltäglichen Leben. Beide scheinen aus Familien zu kommen, die ihnen kein Vorbild für ihr Leben sein können. Die Haushälterin hat eine sehr traditionelle Ehe gelebt - und übernimmt bei der Familie quasi die traditionelle Hausfrauen- und Mutterrolle. Damit gibt sie den Eltern Freiraum - und dem Kind Geborgenheit. Bis sie krank wird.

Das Gleichgewicht der Familie ist ohne Haushälterin gestört - und es fällt allen schwer, ein neues Gleichgewicht zu finden.

Wie die Familie damit umgeht, wird aus der Sicht des Erzählers geschildert, in vielen Zeit-Ebenen mit vielen Rückblenden. Es ist eine kleine Geschichte, ein dünnes Buch - das doch viele Aspekte einer existentiellen Erfahrung beschreibt.

Wie immer wirkt Paolo Giordanos Buch streng durchkomponiert - Giordano ist selbst Physiker - und naturwissenschaftliche Thesen werden zur Erläuterung der Geschehnisse herangezogen (hier die Lehre von den Körpersäften). Auch der Titel des Buches nimmt Bezug zu dieser These.

Und wie immer gibt es wunderbare Sätze, die man sich gerne merken würde und über die man gerne länger nachdenken würde. Daher wirkt dieses Buch nach - auch wenn die Protagonisten dem Leser eher fremd bleiben. Was vielleicht das Einzige eventuell Schwierige und Negative an diesem Buch sein könnte: Die Protagonisten bleiben auf Distanz, der Leser kann sich nur schwer einfühlen.

Daher: Ein eher "kühles" Lese-Vergnügen. In gedämpften Farben. Schwarz und Silber, wobei das Silber sowohl grau als auch lebendig, warm und glänzend erscheinen kann.

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Z - Zeiden im Januar